Jahr 1 nach dir

6 Comments

Immer wenn ich das große braune Tor öffne, nach hinten zur Haustür laufe und mein Blick in den Garten fällt, sehe ich dich. Ich sehe dich hinter den Tomatenpflanzen, zwischen all dem anderen Gemüse und den unzähligen bunten Stiefmütterchen stehen. Es dauert jedes Mal aufs Neue einige Sekunden bis ich begreife das du nicht mehr dort stehst. Das du nicht mehr da bist. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht. Denn eigentlich, eigentlich bist du überall. In meinen Gedanken, meinen Erzählungen und am meisten in meinem Herzen.

365 Tage, 8760 Stunden, 4189 Zeichen. 4189 Zeichen die dem, was du warst niemals gerecht werden können aber mir dieses erdrückende Gefühl auf der Brust ein bisschen leichter, ein bisschen erträglicher machen. Seit du nicht mehr da bist fliegt die Zeit. Schwer zu glauben das du nun schon ein Jahr fehlst. Ich höre noch immer deine Stimme und sehe dich noch immer an dem Küchentisch unter dem Fenster sitzen. Es gibt Dinge, die selbst nach Monaten noch weh tun, dich nicht loslassen, deren Wunden zwar heilen, die Narben aber irgendwie immer wieder aufreißen. Und ich schätze das hier, das gehört dazu.

Es gab in meinem Leben bisher kaum Momente in denen ich Angst hatte. Ich meine echte Angst. Die die dich lähmt. Die dir das atmen schwer macht und sich wie ein Schatten über deinen ganzen Alltag legt. Der Tag deiner Diagnose war so einer. Krebs. Schon wieder. Nur diesmal mit einem Unterschied: Es gibt keine Heilung mehr. Für die Ärzte nur der Schlusssatz deiner Krankenakte aber für uns?

Zum allerersten Mal habe ich versucht mir vorzustellen wie es sein würde, wenn du nicht mehr da wärst. Mit dem Gedanken an eine Zukunft ohne dich aber nicht mal ansatzweise einer Vorstellung davon, wie es tatsächlich sein würde, bin ich damals täglich die langen, kalten Krankenhausflure entlang geschlichen. Das ist jetzt schon über ein Jahr her. Ein Jahr und drei Wochen. Seitdem hat sich so viel verändert. So viele große Tage und Momente an denen du seitdem gefehlt hast. Momente, über die du gelacht hättest, vielleicht den Kopf geschüttelt und nicht verstanden hättest, weil uns eben zwei Generationen trennen. Was würde ich heute dafür geben noch einmal mit dir zu diskutieren, zu versuchen dich von meinen Entscheidungen zu überzeugen. Besonders von meiner Letzten. „Schon wieder Berlin verlassen? Das muss doch nicht sein.“ hast du immer gesagt. „Muss es“, war immer meine Antwort.

Diese Worte schreibe ich während ich am Meer sitze – in Sydney. 16.092,94 Kilometer von meinem Heimatort entfernt, auf der anderen Seite der Welt. Seit fast 10 Monaten ist diese Stadt nun schon mein Zuhause. Ich hab eben schon immer auf die Dinge beharrt die ich für richtig halte – genau wie du. Und auch wenn du nicht nachvollziehen konntest was mich und die anderen drei immer wieder in die Ferne zog, weiß ich das du eigentlich stolz warst. Das warst du immer. Als ich meine ersten Schritte machte, als ich zum aller ersten Mal ganz alleine mit meinen kleinen Kinderbeinen auf das Dach des Gartenhäuschens kletterte, das du nur für mich gebaut hattest. Du warst stolz als das Auto vorfuhr und ich zum ersten Mal auf der Fahrerseite ausstieg, als du mein Bachelorzeugnis in den Händen hieltst. Und auch wenn du nie so ganz verstanden hast was genau mein Job ist, was ich in diesem Internet so treibe – du warst stolz. Was du wohl heute sagen würdest, wenn du noch da wärst?

Zum Schluss hab ich versucht jeden noch so kleinen Wunsch zu erahnen als deine Worte versagten. Wir haben die Rollen getauscht, ich hab mich um dich gekümmert und das war wahrscheinlich der schwerste Weg den ich bisher gehen musste. Dein letzter Weg. Trotz den vielen Tränen und der unglaublichen Angst, vor dem Moment an dem ich loslassen, dich gehen lassen musste bin ich dankbar in deinen letzten Stunden nicht von deiner Seite gewichen zu sein. Bin froh das ich da war, froh das du da warst – all die Jahre. Ich wünschte wir hätten noch einmal so viel Zeit.

6 Comments
  • Lena

    Antworten

    Toller Text! Kann es so verstehen! Habe vor sieben Jahren meine Mutter verloren und auch heute tut das noch wahnsinnig weh. ABER Geliebte Menschen trägt man für immer im Herz!

  • Rosi

    Antworten

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich denke an dich <3

  • Saskia

    Antworten

    Der Text hat mich zu Tränen gerührt. Die Person muss dir sehr nahe gestanden haben und wäre sicherlich stolz auf die Worte die du gefunden hast. Du hast eine sehr schöne Art zu schreiben, die den Leser das Gefühl nachempfinden lässt und die mitnimmt.

  • Sabine

    Antworten

    Mein Beileid und gleichzeitig ein großes Kompliment, du hast einen unglaublich schönen Text geschrieben! Mit eines der schönsten Tribute die man jemanden zollen kann. Herzliche Grüße, Sabine

  • Sabrina

    Antworten

    Mein Beileid Liebes! Dennoch sind es unglaublich schöne Worte die du da gefunden hast! <3

  • Sabrina

    Antworten

    Oh Gott, mir fließen gerade die Tränen. Sehr berührend geschrieben!

Leave a Comment